Konferenz 2011

Mit dem 100. Geburtstag von Heinz Maus ist der Anlass für diese Konferenz ein eher randständiger, der kaum jemandem ein Begriff sein dürfte. Ausgehend vom Werk dieses vergessenen Intellektuellen – und seinen Verknüpfungen mit der kritischen Theorie – soll jedoch auf den Kern dieser theoretischen Praxis gezielt werden.

Der Versuch, positiv zu bestimmen und einzugrenzen, was kritische Theorie ist oder sein kann, würde dem Anliegen dieses Denkmodells widerstreben. Doch verlaufen seine Traditionslinien keinesfalls willkürlich. Vielmehr laden sie zu der Frage ein, wie sich in Auseinandersetzung mit diesem Erbe heute eine Reflexion von Gesellschaft betreiben lässt, wie sich kritische Theorie von den hegemonialen Denkmodellen des Wissenschaftsbetriebs unterscheidet und was sie zu etwas machen könnte, was nicht nur der Musealisierung widerspricht, sondern eine andere Theorie der Praxis, und damit auch: eine andere Praxis der Theorie darstellt und fordert. Diese Frage ist nicht neu, verlangt jedoch immer wieder neue Antworten und Justierungen, die stets wiederum nur vorläufige sein können.

Dieser wesentlichen Frage, die sich vornehmlich als die nach dem Verhältnis von Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie stellt, soll hier erneut nachgegangen werden. Daher werden Überlegungen zu jenen Traditionen eine Rolle spielen, in denen sich kritische Theorie begriffen hat oder begreift, etwa die Hegel’sche Philosophie oder Marxens Kritik der politischen Ökonomie. Auch Traditionalisiertes, wie die Sprachphilosophie Benjamins oder der Begriff der Kulturindustrie, wird auf neue Möglichkeiten der Aktualisierung hin befragt werden. Mit Blick auf dieses Erbe sollen schließlich jene Gegenstände Thema sein, die gegenwärtige Ansätze kritischer Theorie auf das Tableau gebracht haben: Sei es der Streit um den Begriff der Anerkennung oder um die moderne Hirnforschung. Wir, die Arbeitsgruppe Kritische Theorie des Marburger Graduiertenzentrums für Geistes- und Sozialwissenschaften, das Institut für Soziologie und das Institut für Philosophie laden alle Interessierten herzlich ein, sich am letzten Märzwochenende 2011 in Marburg an der Reflexion der Aufgabe Kritischer Theorie zu beteiligen. Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben.

Zum Anspruch dieser Konferenz

Als Ereignis ist dieser Tag der Öffentlichkeit nicht präsent: Der 21. März 2011 ist der hundertste Geburtstag von Heinz Maus. Er studierte zu Beginn der 1930er Jahre das, was ein Projekt namens „Kritische Theorie“ werden sollte. Erst zwei Jahrzehnte später wurde er Assistent Max Horkheimers und trat letztlich eine Professur für Soziologie in Marburg an. Heinz Maus könnte als ein Repräsentant einer zweiten, verlorenen Generation kritischer Theorie bezeichnet werden: Er ging nicht ins Exil, sondern schrieb und reichte unter den Bedingungen nationalsozialistischer Zensur seine Dissertation ein, die den Titel „Kritik am Justemilieu. Eine sozialphilosophische Studie über Schopenhauer“ tragen und zugleich sein einziges größeres Werk bleiben sollte. Auch wenn in den Literaturverweisen dieser Arbeit ausnahmslos „unverdächtige“ Autoren angeführt sind, spiegelt sich in den zahlreichen, vom Autor nicht markierten Zitaten ein wesentliches Spannungsfeld in der Herausbildung der kritischen Theorie wider: Die methodologischen Überlegungen von Adorno und Benjamin treten mit dem frühen Horkheimer’schen Projekt eines stärker empirisch fundierten, „interdisziplinären Materialismus“ in Vermittlung.

Nach dem zweiten Weltkrieg machte Heinz Maus vor allem als Herausgeber auf sich aufmerksam. Sein großes Interesse an der französischen Soziologie und Philosophie manifestierte sich darin, einige dieser Beiträge einem deutschsprachigen Publikum in Kommentaren und Übersetzungen überhaupt zugänglich gemacht zu haben. Maus war zudem der einzige, der auf dem achten Soziologentag im Jahre 1946 das Versagen dieser Wissenschaft in der Analyse dieser „Herrschaft des Terrors“ und die affirmative Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus offensiv kritisierte. Ihr Versagen begründete Maus mit ihrem starren Festhalten an Traditionellem: Sei es in der Verdrängung der Reflexion der Begriffe, indem man etwa eine Objektivität des ‚Faktischen‘ behaupte, sei es im Vergessen der Historizität der Begriffe, in ahistorischen Konstruktionen, wie etwa der eines „anthropologisch überzeitliche(n) Wesen(s)“. Solche Theorien könnten ihren Gegenstand nicht wirklich treffen. In seinem Vortrag verwies Maus auf eine Theorie als Gegenmodell, die durch ihre Nähe zum Marxismus als veraltet klassifiziert wurde. Maus‘ Rede sorgte für Irritationen; Auswirkungen auf diesen wissenschaftlichen Diskurs hatte sie keine. Diese Feststellung kann auch ohne Sentimentalität für sein Werk Geltung beanspruchen: Heinz Maus ist heute weitgehend vergessen.

Das Gegenmodell, dem die Bemühungen dieses Intellektuellen galten, droht gegenwärtig zwar nicht einfach in Vergessenheit zu geraten. Was kritische Theorie aktuell noch sein,
beziehungsweise ob und wie sie in Rückgriff auf ihre ‚Quellen‘ noch begründet werden kann, ist jedoch keineswegs geklärt oder entschieden. Jenseits eines inflationären Gebrauchs des Labels ‚kritische Theorie‘, das von einer ganzen Reihe mit einem normativen Selbstverständnis auftretenden Sozialtheorien in Anspruch genommen wird, verweist die Rede von der Tradition kritischer Theorie auf zwei Extreme: 1. Dem Postulat ihrer ungebrochenen Aktualität, das sich in einer möglichst buchstabengetreuen Exegese der Tradition manifestiert, in der angeblich alles zu finden sei, was für ein Begreifen heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse benötigt werde. 2. Die Behandlung der kritischen Theorie als ein bloßes Museumsstück, welches nicht zu vertretender Präsupposition überführt worden oder eben nur in gewissen Modifikationen noch anschlussfähig sei. Beide Positionen implizieren dabei eine Rede von den Generationen einer kritischen Theorie und ihrer Abfolge. Jenseits der Kanonisierung, Historisierung und Bilanzierung zeichnen sich aber gegenwärtig auch verschiedene Versuche ab, das Verhältnis von Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie neu zu begreifen. Dies verdeutlicht u.a. ein erneutes Interesse an lange Zeit aus der Mode gekommenen Themen und Schlüsselbegriffen wie „Anerkennung“, „Entfremdung“ und „Verdinglichung“.

Ein Geburtstag soll so Anlass sein, die unterschiedlichen Formen kritischer Theorie zu
diskutieren. Dabei soll zwar einerseits das Werk von Heinz Maus in den Fokus gerückt werden. Eine Würdigung dieses theoretischen Schaffens muss andererseits aber auch berücksichtigen, dass es von einem wesentlichen Motiv der älteren Generation der kritischen Theorie geprägt ist: Kein Hauptwerk anzufertigen und keine abgeschlossene Ordnung zu wagen. Dieser keineswegs willkürlichen Form des Schreibens und Arbeitens gerecht zu werden, kann nicht bedeuten, eine nachträgliche Beschließung und Klassifikation einer mehr oder weniger kohärenten Theorie oder Biographie zu versuchen. Vielmehr geht es hier um die Aufgabe einer Erinnerung in Form der Wiederaufnahme eines Denkens. Die Frage nach dem Verhältnis von Traditionalität und Aktualität wird so ein wesentlicher Zugang auch für die übergreifende Frage danach sein, ob und wie ein Projekt namens kritische Theorie voran- und/oder über sich hinausgetrieben werden kann. Es kann also nicht darum gehen, einen „lebenden Leichnam zu pflegen“ (Maus), sondern die Historizität der kritischen Theorie selbst zu reflektieren, die unterschiedlichen Formen und Auffassungen in den Dialog zu bringen.

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