Über Heinz Maus

„Ja, sogar der Ausblick auf das Jahr 2000 mit einem Welt-Vatikan, von dem Herr von Wiese so begeistert sprach, ist eher eine Symbol der Versklavung, der Vermassung, wie es früher hieß […]. Möglicherweise wird dann die Verarbeitung des gesamten statistischen Materials automatisch durchgeführt, ohne daß es noch der Individuen bedarf, die sich darum kümmern; möglicherweise leben die Menschen im Jahr 2000 nicht mehr füreinander, im selben Augenblick, wo die zwischenmenschlichen Beziehungen auf so unmenschliche Weise übersichtlich geworden sind.“ Heinz Maus (1946) 

Die Vision eines „Welt-Vatikans“, wie sie Leopold von Wiese, dem ersten Vorsitzender der wiederbelebten Deutschen Gesellschaft für Soziologie, auf dem Soziologentag 1946 vorschwebte, hat sich nicht erfüllt. Und dennoch ist der Ordinarius von Wiese bis heute im kollektiven Gedächtnis der Disziplin und ihrer Würdenträger fest verankert. Dem damals erst 35-jährigen Heinz Maus, dessen Interventionen ihn nicht nur als Kritiker, eben dialektischen Denker, sondern auch als Ruhestörer und Außenseiter ausweisen, wird hingegen nur noch wenig Aufmerksamkeit zuteil. Der verbale Frontalangriff auf von Wiese, bei dem Maus gerade noch seine Habilitation anstrebte, dürften ihn nicht unwesentlich in seinem Bemühen eine ordentliche Professur für das Fach Soziologie zu erlangen, zurückgeworfen haben.

Nicht zuletzt solche Zäsuren sind kennzeichnend für die Maus’sche Biografie, die sich zumeist auf gewundenen Pfaden bewegt. Dies erschwert auch die retrospektive Betrachtung, Einordnung und Würdigung. Statt eines homogenen Werkes hat Maus eher Fragmente seines Denkens hinterlassen. Nur schemenhaft erscheint ein Bild aus Zeitungsartikeln, Herausgeberschaften, Übersetzungen und Wörterbucheinträgen, die Maus verfasste, sowie den zahlreichen lebendigen Anekdoten von Menschen, die ihn erlebt haben und in dessen Leben sein Wirken Spuren hinterließ – auch jenseits eines großen Hauptwerkes oder einer „eigenen“ Theorie.

Als einen Menschen, der „jede Form einengender Ideologie und Dogmatik“ zeit seines Lebens bekämpfte, beschreibt ihn etwa der langjährige Wegbegleiter Frank Benseler. In den Augen von Michael Greven und Gerd van de Moetter, die sich bereits Anfang der 80er Jahre mit Maus befassten, ist sein Wirken „bar jeglicher taktischer Opportunität“, „unbürokratisch bis zur Inkorrektheit“ und es umgab ihn „neben der politischen Komponente ein starkes Element persönlicher Intransigenz gegenüber jeder Ordnung, jedem Establishment“. Dies überrascht: Maus war als Mitherausgeber der Soziologischen Texte und Autor von „A short history of sociology“ nach seinem Tod 1978 doch wesentlich als Historiograph des Fachs bekannt: Diese „Arbeiten zur Soziologie […] atmen einen eher positivistisch-dokumentarischen Geist“ (Greven & van de Moetter). Dass in diesem Geist sein Werk keineswegs aufgeht, verbürgt zwar nicht sein Lernen bei Horkheimer (und als einer der wenigen Schüler konnte Maus eine Professur erstreiten), aber seine Selbstbestimmung, „kritische Theorie in der Provinz“ zu betreiben, deutet dies an.

Als Maus 1911 in Uerdingen (Krefeld) geboren wurde, in ‚einfachen‘ Verhältnissen, sah es zunächst nicht nach einer akademischen Laufbahn aus. Er verdiente seinen Lebensunterhalt zu Weimarer Zeiten als Buchhändler, bevor er 1932 ein Studium in Frankfurt begann. Die Vorlesungen, die er dort bei Karl Mannheim, Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund-Adorno hörte, beeinflussten sein Denken nachhaltig. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler setzte er sein Studium bei Hans Freyer in Leipzig fort. Dass Maus nicht emigrierte und seine Dissertation 1941 in Kiel einreichte, zeugt dennoch nicht von Anpassung. Seine Arbeit war gespickt mit Zitaten von Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Freud und Marx zu einer Zeit, als jüdische Autoren nicht einmal polemisch zitiert werden durften: „Kritische Theorie im Schatten der faschistischen Herrschaft nicht nur zu denken, sondern auch zu publizieren, bedurfte neben dem existentiellen Mut auch der intellektuellen Chuzpe und der schweijkischen Schläue“ (Greven & van de Moetter). Zweimal wird Maus verhaftet und angeklagt und doch überstand er lebendig die Nazi-Zeit. Das Kriegsende erlebt Maus in Mainz.

Nach Intermezzi als Mitarbeiter in der Berufsberatung des örtlichen Arbeitsamtes (wo er für „Künstler und fahrendes Volk“ zuständig war), später als Lektor, Herausgeber und Redakteur von Zeitschriften mit aufklärerischen und kulturkritischen Intentionen geht Maus 1949 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Ernst Niekisch und Dozent an die Ostberliner Humboldt-Universität. Den intensiven Kontakt, den er bereits während der Nazi-Zeit zu Horkheimer aufbaute, ließ er auch jetzt nicht abbrechen. Sie tauschten sich über die Bedingungen und Möglichkeiten aus, in der sowjetischen Besatzungszone eine Zweigstelle des Instituts für Sozialforschung zu etablieren. Nachdem sich diese Gedankenspiele zerstreut hatten, kehrte Maus enttäuscht nach Westdeutschland zurück. Als Assistent und Mitarbeiter von Horkheimer wirkte er von 1951 fünf Jahre lang am Institut für Sozialforschung, ohne sich jedoch zu habilitieren, ohne unter seinem Namen Wesentliches zu publizieren.

Dass der nunmehr fast 50-jährige Maus 1960 schließlich doch noch zum Professor berufen wurde, hat er sicher seiner Beziehung zur ‚Frankfurter Schule‘ zu verdanken. In Marburg tritt er in den Wirkungskreis Wolfgang Abendroths. Zusammen mit Werner Hofmann werden sie während der 60er Jahre als „Marburger Dreigestirn“ zum Sprachrohr des gewerkschaftlich und aktionistisch orientierten Flügels der Studentenbewegung. Maus organisierte den akademischen Protest gegen die Notstandsgesetzgebung. Später wurde es ruhiger um Maus, auch bleibt die Geschichte des Instituts für Soziologie insgesamt in diesen Jahren eher im Dunkeln. 1978 verstirbt Heinz Maus in Bürgeln bei Marburg.

Das Vergessen des Heinz Maus kann man redlicherweise nicht nur auf die gesellschaftliche Stellung der Kritischen Theorie oder den Verfall des Denkens schieben. Auch seine im Rückblick recht ambivalent erscheinende Persönlichkeit hat hierzu beigetragen. So wurde neben all den Verdiensten auch von einer gewissen Resignation während der Soziologie-Professur in Marburg sowie hierbei problematische Verhältnisse mit Kollegen und MitarbeiterInnen, insbesondere Studentinnen, berichtet.

Was Maus 1946 als Problem einer Vollendung der Rationalisierung skizzierte, findet sich in der heutigen universitären Landschaft fast verwirklicht, in welcher intellektuelle Abenteuer strukturell erschwert werden. Und doch gibt es sie noch. Eines liegt verborgen im Hessischen Staatsarchiv in Marburg, wo der zu großen Teilen wissenschaftlich noch nicht ausgewertete Nachlass von Heinz Maus schlummert.